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Vanillekipferln

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Weihnachten im fettesten Sinne

TYPOLOGIE DER VANILLEKIPFERL-ESSER: Nein, wir kommen jetzt nicht mit klugen Backtips daher. Sie besitzen ohnehin das wahrscheinlich beste Rezept der Welt. Und auch die Umsetzung wird einmal gelingen. Heuer ist Österreich bereits flächendeckend mit Vanillekipferln übersät. Jetzt müssen die Dinger nur noch weg. Beste Möglichkeit: essen! Aber wie?


Daniel Glattauer


Über Vanillekipferl kann man sagen, was man will. Und genau das wollen wir hier tun. Zum Beispiel ist es (uns) egal, ob man „Vanillekipferl“ oder „Vanillekipferln“ sagt. Man sollte dabei nur den Mund nicht zu voll (mit Vanillekipferl/n) nehmen, sonst staubt und bröselt es mindestens zweimal heftig: bei „ki“ aus der Gaumengegend, bei „pf“ in Form eines durch die Lippen gepfiffenen trockenen Sandregens.

Sollten unsere deutschen Leser noch ein bißchen ratlos sein: Kipferln sind kleine Kipfen. Kipfen sind Hörner. Kipferln sind kleine Hörner. Kleine Hörner sind Hörnchen. Kipferln sind also Hörnchen. „Vanille“ dürfen wir als bekannt voraussetzen. Ihr da oben sagt vielleicht Waniiiehlie, bei uns in Wien heißt es immer noch „Fannillle“, und wir sind stolz darauf.

Der Sinn von Vanillekipferln ist es, gebacken zu werden, damit die Adventzeit vergeht. Wir wollen hier aber keinen Backtest durchführen, das wäre uns zu billig. Wie Vanillekipferl entstehen und woraus sie bestehen, weiß ohnehin jeder: aus Butter. Damit es nicht sofort auffällt, mischt man noch einiges dazu. Etwa 127.000 Österreicher und Österreicherinnen verfügen, den eigenen Angaben zufolge, über das beste Vanillekipferlbackrezept der Welt. Schauen Sie sich nachher die Kipferln an, und Sie wissen, was Rezepte wert sind, wenn die Leute kein Gefühl in den Händen haben.

Was uns viel mehr interessiert: Was geschieht mit den Abertausenden Vanillekipferln, die jährlich zur Weihnachtszeit in die Welt gesetzt werden? Unsere Vermutung: Sie werden gegessen. Aber wer sind die Leute, die das tun? Nun – Menschen, wie du und ich. Wir werden sie uns später näher ansehen.

 

Die Sache mit den Kalorien

Nun gibt es freilich eine Gruppe krasser Außenseiter. Sie haben dieser Tage nichts zu lachen. Sie hassen Vanillekipferln. Manche militant: Wo sie eines sehen, zertreten sie es. Manche ignorant: Sie schauen weg und versuchen zu vergessen. Manche flüchten in die Filetierung eines Speisekarpfens. Manche setzen sich ins Ausland ab und essen Tiramisu.

Die einen lehnen die Form von Vanillekipferln ab. Die anderen stoßen sich am Inhalt. Wieder andere ertragen den Geruch nicht. Wieder andere verachten den Geschmack. Und Vertreter einer fünften Untergruppierung frönen der Totalverweigerung aus Gewichtsgründen. Sie fürchten, bereits beim Beobachten eines Vanillekipferls einen halben Kilo zuzulegen.

Kalorienmäßig genießt das Kipferl einen katastrophal schlechten Ruf. Völlig zu Unrecht, wie wir mit Poldi Hauser belegen können (Poldi Hauser, Mann von Hermi Hauser – rote Wangen, rosa Pudel, weinroter Bauchschutz). Unglaublich, aber wahr: Poldi nimmt beim Vanillekipferlverspeisen ab. Hier die genauen Maße: Ein Vanillekipferl kommt auf 50 Kalorien. Um fünf Stück abzubauen, müßte Poldi 20 Minuten joggen (geht nicht, er hat nur eine einzige Jogginghose, und die braucht er fürs Fernsehen). Oder er müßte eine halbe Stunde skilanglaufen (sonst noch Wünsche! Er schläft ja schon beim Zuschauen ein). Oder er müßte 40 Minuten den Fußboden aufreiben (das würde Hermi niemals zulassen). Poldis Rechnung geht anders auf. Er verbraucht: 20 Kalorien bei der Suche nach Hermis je aktuellem Vanillekipferlversteck; 10 Kalorien aus Angst, erwischt zu werden; 20 Kalorien, weil er tatsächlich erwischt wird; 10 Kalorien, um sich Hermis scharfem Befehl, die Kipferl sofort wieder zurückzulegen, zu widersetzen; 20 Kalorien, um sie panikartig in den Mund zu stopfen und hinunterzuwürgen; 120 Kalorien, um diese Tat im anschließenden Streitgespräch über den Sinn des Weihnachtsfests zu verteidigen. Ergibt: 200 Kalorien. Das sind vier Vanillekipferln. Wiederholt er den Vorgang alle zehn Minuten, heißt das: Poldi kann täglich 144 Vanillekipferln essen, um sein Gewicht zu halten. Da er in der Nacht pausiert, nimmt er sukzessive ab. Hermi macht sich bereits ernste Sorgen.

 

Sieben gegen alle

Nun die erfreuliche Nachricht: 84,7 Prozent aller Österreicher essen Vanillekipferl (nageln Sie uns bitte nicht mit dieser Zahl fest, die Schätzung war schwierig genug). Wir haben die Konsumenten beim Zugriff beobachtet und können heute mit sieben klassischen Typen von Vanillekipferlessern aufwarten.

Der Aufgreifer. Er übersteht die Festtage in professioneller Apathie. Zumeist findet man ihn tief versunken in Sitzgarnituren vor. Dort wartet er, bis der erste Werktag näherrückt. Er würde nie einen Aufwand betreiben, um zu Vanillekipferln zu gelangen. Selbst ein Aufrichten des Oberkörpers wäre ihm zu mühsam. Kommt allerdings eine Keksschüssel direkt unter seinen Fingern zu liegen, beginnt er notorisch heineinzugreifen und das Ergriffene motorisch zum Mund zu führen. Hat er den Rhythmus der Armbeugen gefunden, erreicht er einen Schnitt von bis zu 50 Vanillekipferln pro Stunde. Fragt man ihn, ob sie ihm schmecken, weiß er nicht, wovon man spricht.

Der Aufspürer. Er läßt keine noch so entfernt-familiäre Weihnachtsjause aus. Er selbst bringt gern üppige Torten mit, um die Konkurrenz auszuschalten. Die Frage, ob es hauseigene Vanillekipferln gibt, erübrigt sich. Gäbe es keine, wäre er nicht anwesend. Wenn man sie ihm nicht auf den Tisch stellt, holt er sie sich, egal wo sie sich verbergen. Er würde sie selbst in der Werkzeugkiste finden.

Der Aufesser. Die Qualität ist ihm egal. Hauptsache, die Menge reicht aus, um ohne Pausen durchzukommen. Nachdem der erste Heißhunger gestillt ist, hat er sich erst so richtig warmgegessen. Auf einer Welle satter Zufriedenheit reitet er bis zum letzten Kipferl.

Der Abstauber. Volle Keks-Schüsseln oder -Dosen interessieren ihn nicht. Er mag Vanillekipferln erst im letzten Stadium vor der Auflösung, wenn nur noch Vanillepulver, Zucker und ein paar Brösel vorhanden sind. Schaut niemand her, führt er die Schüssel zum Mund und läßt die Überreste hineinrieseln. Schaut jemand her, tut er so, als würde er in der Schüssel nach etwas suchen.

Der Ausputzer. Grenzfall aus der Familie der Abstauber. Er tut wie dieser. Danacht reinigt er die Dose mit der Zunge. Verpatzte Weihnachten beginnen für ihn damit, daß man ihm Vanillekipferln auf der Serviette anbietet.

Der Ästhet. Die häßlichen Vanillekipferln ißt er, damit sie wegkommen. Die schönen streichelt er, bis sie brechen. (Über die Schönheit von Vanillekipferln gibt es verschiedene Lehrmeinungen. Allgemein gilt: Ein Vanillekipferl muß die Form der Hälfte eines Halbmondes mit stumpf gewordenen Sichel-Enden haben. Es sollen aber auch schon breitgewalzte Teigpatzen, poröse und zerfurchte Riesenhörner und eingeschrumpfte Shrimps-Plagiate als Idealform angepriesen worden sein.)

Der Asket. Er begehrt Vanillekipferln wahrscheinlich am meisten. Immerhin gönnt er sich zwei bis drei Stück pro Weihnachtssaison. Wenn es so weit ist, formt sich sein Mund zu _einem sündigen Lächeln. Daumen und Mittelfinger stechen habichtartig in die Schüssel, greifen sich ein Exemplar und legen es zart auf die Zunge. Wie viele Wochen es dort verweilt, bleibt eines der vielen Geheimnisse von Asketen und Vanillekipferln.

So. Damit sind wir auch schon am Ende. Wir danken für Ihr Interesse. Den Testsieger können Sie sich selber aussuchen. Vielleicht noch rasch das beste Rezept: 31 dkg Butter, 18 dkg geriebene Nüsse, 39 dkg Mehl, 14 dkg Zucker; 150 Grad Hitze, 18 Minuten. Und hinein ins Vanillepulver. Sollten die Kipferl nicht gelingen, versuchen Sie’s mit der doppelten Menge. • *) Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen des Autors wider.


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