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BENITAS NEUES BUCH

Lächelnde Benita Ferrero-Waldner

        
BLATTSALAT

Das Lächeln der Mona Benita


Günter Traxler


  
Stets bereit, seinen Lesern sofort zu vermelden, wenn sich in unserem kleinen Lande jemand zu weltpolitischer Größe emporreckt, hat DER STANDARD gestern das eben erschienene Buch von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner "Kurs setzen in einer veränderten Welt" vorgestellt. Zu kurz, hier daher eine leicht vertiefende Würdigung.

Es handelt sich um einen Mix von Autobiografie - eine Kandidatin für die Hofburg will sich dem Volk vorstellen, solange sie noch Ministerin, also halbwegs unvergessen ist - und weltpolitischen Betrachtungen, die mit einem Paukenschlag einsetzen in Damaskus. Eine der ältesten fortdauernd besiedelten Städte der Welt. Ich betrat den Innenhof der altehrwürdigen Omayyaden-Moschee. Mein Führer, ein hochrangiger islamischer Geistlicher, und meine Delegationsmitglieder versuchten abwechselnd, meine Aufmerksamkeit zu erringen. Für ein paar Minuten, oder waren es nur Sekunden, gelang es mir, sie alle auszublenden. Den Ausgeblendeten fehlte der Sinn für die historische Bedeutung des Augenblicks: Ich brauchte einen klaren Kopf.

Es war nämlich so: Die jahrhundertealte Stille und die erhabene Größe der Moschee, überragt von ihrem zierlichen Minarett, das sich in den tiefblauen Oktoberhimmel streckte, veranlassten mich, abzuschalten. Komplett. Aber nicht für lange, denn schon drängt sich ein anderer Gesprächspartner vor. Da stand dieser kleine Orangenbaum am Rande des Innenhofs . . . Die Orange. Ihr Anblick fesselte mich. Ohne sie pflücken, schälen und genießen zu können, fühlte ich mich von ihr angesprochen.

Jetzt nicht ausblenden! Die Symbolik der Zitrusfrucht, die für Kraft steht, lenkte meine Gedanken auf meine Aufgabe. Ich wusste, dass ich in einer schwierigen, weltpolitischen Situation Kraft benötigen würde. Ich hatte die Tragweite des Weltgeschehens und die Verantwortung, meinen Teil zur Bewältigung der Krise zu leisten, klar vor Augen.

Der Augenblick dieses Orangenwunders verdient exakt festgehalten zu werden. Es war der 24. September, nicht einmal zwei Wochen nach den Anschlägen. Nicht auszudenken, wie die Bewältigung der Krise verlaufen wäre, hätte sich an diesem 24. September statt eines Orangenbaums eine Dattelpalme in den tiefblauen Oktoberhimmel gestreckt. So aber ward die Tragweite des Weltgeschehens klar erfasst: Die Inhalte der Außenpolitik bleiben nicht für alle Zeiten dieselben. Fix hingegen ist: Die Welt ist durch die moderne Technologie so zusammengewachsen, dass die entlegensten Teile nur durch einen Mausklick von einander entfernt sind.

Und dann das Kapitel: Das Lächeln, das ich meine. Endlich - was damit gemeint ist, wollte man schon immer wissen. Die Zeiten, da man auf der internationalen Bühne mit Starrsinn und einem "Pokerface" beeindrucken konnte, sind lange vorbei. Da schon eher mit Starrface und Pokersinn. Wenn man sicher in seiner eigenen Weltanschauung ist und weiß, was man in der Politik erreichen will, dann kann man es sich auch leisten, ein wenig großzügig zu sein und an die Dinge mit dem nötigen Maß an Selbstsicherheit und einem freundlichen Lächeln heranzugehen. Das ist das Lächeln, das ich meine. Denn wer zuletzt lächelt, hat sich durchgesetzt.

Die Amerikaner werden sich nie gegen Saddam durchsetzen, so wenig, wie die lächeln. Denen fehlt eben das nötige Maß an Selbstsicherheit. Kein Wunder, spüren sie doch, dass sie auf der internationalen Bühne nichts mehr zu lachen haben, denn so wie unsere Außenministerin lächelt, hat sich Österreich als führende Supermacht heimlich längst durchgesetzt. Aber Obacht! Dennoch läuft die Politik immer wieder Gefahr, nicht mehr den Diskurs, der in der Sache selbst durchaus hart sein darf, zu suchen, sondern lieber schrill und untergriffig oder aber beliebig und blutleer zu werden. Und keiner tut was, um das abzustellen!

Endgültig wird das Rätsel dieses geheimnisvollen Lächelns im Kapitel Zahnweh in Oberndorf gelöst: Es ist genetisch bedingt. Wenn man in Oberndorf Zahnweh hatte, ging man zu meinem Vater. Er war Dentist, und so etwas will vorgezeigt sein. Eigentlich gehe ich noch immer ganz gerne zum Zahnarzt, obwohl ich eine "anspruchsvolle Patientin" bin. Was sich nicht nur am Lächeln ablesen lässt, sondern auch so äußert: In dem Moment, da ich in der Ordination Platz nehme, schalte ich ab und ergebe mich in Kindheitserinnerungen. Mit oder ohne Lokalanästhesie. Immer noch besser, als man ergibt sich der Außenpolitik in Vollnarkose.

Weltpolitisch bedeutungsvoll war ferner die diplomatische Einladung an sie, bei der Rangerhöhung Oberndorfs im Jahr 2000, als ehemaliges Kind der nunmehr frisch gebackenen Stadt Grußworte zu sprechen. Ob mit oder ohne Lokalanästhesie der frisch gebackenen Städter, bleibt offen, es könnten also einige geglaubt haben, dass Frau Ferrero ihre Grußworte nicht so sehr als ehemaliges Kind, sondern ein wenig auch als damalige Außenministerin gesprochen hat.

Das ehemalige Kind kommt stärker in Frau Ferreros Überlegungen zur Kinderhaltung zum Vorschein. Halten wir uns vor Augen, dass wir Erwachsene uns in Wiener Restaurants und Gasthöfen gerne oft bis lange nach Mitternacht in Schanigärten des Lebens erfreuen dürfen, was nicht immer ganz leise abgeht, während es unseren Kindern nicht einmal erlaubt ist, am hellen Nachmittag im Hof unseres Hauses Ball zu spielen.

Der Zusammenhang liegt auf der Hand. Den Kindern wäre sicher geholfen, dürften sie sich in Wiener Restaurants und Gasthöfen oft bis lange nach Mitternacht in Schanigärten des Lebens erfreuen, wenn dafür nur wir Erwachsene am hellen Nachmittag im Hof unseres Hauses Ball spielen dürfen. Sollte diese Schärfe der Analyse auch Österreichs Außenpolitik würzen, dann hilft nur eines: Lächeln, Lächeln, Lächeln.

Soll Fortsetzung folgen?


© DER STANDARD, 27. September 2002
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BLATTSALAT

Dem Alltag Buntheit geben


Günter Traxler


Die Leser haben entschieden: Sie wollen mehr über Leben und Lächeln unserer Außenministerin wissen, so wie sie es in ihrem Buch "Kurs setzen in einer veränderten Welt" beschrieben hat. Angeregt waren sie dazu möglicherweise ein wenig auch vom "Kurier", der sicherheitshalber nicht im politischen Teil, sondern in seiner Rubrik Gesellschaft unter dem Titel Kampflächeln für Europa berichtete, was Bundeskanzler Wolfgang Schüssel bei der Präsentation dieser Memoiren gesagt hat. Männer, so meinte er, das so genannte starke Geschlecht, würden herumeiern, wenn ihnen ein Jobangebot gemacht wird. Nicht so Benita Ferrero-Waldner, als er ihr vor sieben Jahren vorschlug, sein "Alter Ego" zu werden.

Ob es ein Job mit Zukunft ist, das "Alter Ego" Wolfgang Schüssels zu verkörpern, mag das Arbeitsmarktservice entscheiden. Dem Egomanen müssen wir dankbar sein für die nunmehr öffentliche Verdichtung des Verdachtes zur Gewissheit, dass er für besagten Job von Anfang an alles andere als einen Swiffer auf dem diplomatischen Parkett dieser Welt gesucht hat, weshalb Frau Ferrero-Waldner nicht lange herumeiern musste, um sich zur Rolle des "Alter Ego" durchzuringen. Heute kann Schüssel gelassen von ihr sagen, was man sonst eher Menschen nachsagt, die ohne lang herumzueiern an ihre Taten schreiten: Sie habe ihre Fingerabdrücke in der Politik hinterlassen.

Trotzdem fragt sie sich in einem eigenen Kapitel noch heute: Wie wird man Politikern? Wie so oft; die Sekretärin bei der UNO meldet eine Anruf "from Austria". Wenn sie meinte, der Anruf könnte wichtig sein, dann war er es wahrscheinlich so. Außerdem habe ich es mir zum Grundsatz gemacht, Anrufe entgegenzunehmen, wann immer es möglich ist. Grundsätze muss der Mensch haben, dann kann er es bis zum "Alter Ego" Wolfgang Schüssels bringen.

Der Anruf war in der Tat wichtig. Er sollte mein Leben verändern. Und jetzt typisch - das so genannte starke Geschlecht. Als ihr Mann hörte, welches Angebot man mir gemacht hatte, verschüttete er zunächst den Kaffee. Etwas trockener reagierte UNO-Generalsekretär Boutros Ghali: "Wenn Frau Ferrero-Waldner von ihrem Land gebraucht wird, muss ich sie freigeben." Womit einer Angelobung nichts mehr im Wege stand.

4. Mai 1995. Es war ein angenehmer Morgen an einem frühlingshaften Tag. Die Stimmung war feierlich. Ich war - wie zu erwarten - in festlicher Stimmung. Ich trug ein schwarzes Kostüm mit einem breiten weißen Kragen und weißen Manschetten. Eine Art Zofenlook für die neue Rolle, denn was hatte ihr der neue Außenminister kurz vorher eingeschärft? "Sie werden in dieser Funktion mein Alter Ego sein." Dass er sich im "Kurier" daran noch jetzt erinnert, beweist wieder einmal, wie gut auch in fortgeschrittenem Alter das Langzeitgedächtnis funktioniert. Anders als das Kurzzeitgedächtnis. Dass er als Dritter in Opposition gehen wollte, hat er vier Jahre später innerhalb weniger Wochen vergessen.

Zurück zum Arbeitsleid eines Schüsselschen Alter Ego: Ich fühle mich, vor allem in feierlichen Momenten, in Schwarz am wohlsten. (Ich trage, wenn es passt, auch Weiß sehr gerne, habe aber sonst auch gerne Kleider und Kostüme in kräftigeren Farben. Das gibt unserem Alltag etwas Buntheit. Meine Lieblingsfarbe, dies mag etwas ungewöhnlich sein, ist türkis. Für diesen Anlass wollte ich natürlich etwas Feierliches tragen.)

Dazu hat man ja nicht immer Gelegenheit, denn leider verlief schon die nächste Angelobung, bei der sie die nächsthöhere Alter Ego-Stufe erklimmen sollte, nicht mehr ganz so feierlich. Und gewaschen mit allen weltpolitischen Intrigenwässerchen weiß die Außenministerin auch, warum. Nach dem Wahlergebnis vom Oktober 1999 hatte sich in langwierigen Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP und SPÖ herausgestellt, was viele schon gefühlt - vor allem, was zwei schon längst ausgehandelt hatten, dass die Große Koalition an ihr Ende gelangt war. Es musste zu einer Wende kommen. Vergleichsweise schnell konnten sich ÖVP und FPÖ auf ein Koalitionsabkommen für eine Bundesregierung unter Dr. Wolfgang Schüssel einigen.

Dass sie hinter der Wende, die kommen musste, noch heute die Wucht eines Naturgesetzes und nicht einfach den Wortbruch jenes Egos erkennt, als dessen Emanation sie walten darf, ist ein schönes Denkmal der Loyalität. Andere hatten damit offenbar größere Probleme, was sich beim Gang zur Angelobung auf eine schöne Seele, die sich vor allem in feierlichen Momenten in Schwarz am wohlsten fühlt, unvorteilhaft auswirken musste. Ich mag unterirdische Gänge grundsätzlich nicht. Ich habe keine Klaustrophobie, aber ich mag sie nicht. Ich gehe auch nirgends durch den Hintereingang hinein. Entweder - das ist meine Grundhaltung - ist man gewillt, mich durch den Vordereingang zu empfangen oder gar nicht. Ich habe es nicht notwendig, mich irgendwo hineinzustehlen. Auch nicht in die Hofburg. Dort geht man voll Respekt, aber aufrechten Gangs hinein - und durch das Hauptportal. Bravo!

Aber wenn nicht, dann halt nicht. Eine Grundhaltung zu haben, bedeutet ja noch lange nicht, dass man es nicht doch für notwendig hält, sich irgendwo hineinzustehlen. Nur kein falscher Stolz - Gefühle schon. Ich müsste meine Gefühle verleugnen, wollte ich behaupten, dass es mir nichts ausgemacht hat, gemeinsam mit den Spitzen der künftigen Bundesregierung - nur mit den Spitzen? - durch den langen und etwas verzweigten Tunnel versteckt in die Hofburg zu gelangen.

Wenn man nur wüsste, was sie dabei anhatte. Etwas, das unserem Alltag etwas Buntheit gibt, hätte den Herrn Bundespräsidenten gewiss gnädiger gestimmt.


© DER STANDARD, 1. Oktober 2002
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